„Meine Vision: Mobilität einfach überall nutzen!“

Ole Reuss empfängt in einem hellen Startup-Büro in Berlin-Friedrichshain. Der 47-Jährige ist Botschafter für das Volkswagen Digital:Lab, eines der weltweit sechs Innovation Labs der Volkswagen Konzern-IT. Seit rund drei Jahren entwickeln hier Designer, Developer und Product Manager Apps und Software für Mobilitätsdienste, Geschäftsmodelle oder Technologien von Volkswagen, darunter We Deliver aus dem digitalen Ökosystem Volkswagen We. Nutzer können damit ihre Onlinebestellungen direkt in den Kofferraum liefern lassen. Im Interview erklärt Reuss, was das Digital:Lab auszeichnet und wie es das bestmögliche Kundenerlebnis gestaltet.

Herr Reuss, was ist das absurdeste Zukunftsszenario, das Ihnen bislang unterkommen ist?

Dass Automatisierung und Robotik die Welt übernehmen und die Menschen umbringen. Die Vorstellung ist natürlich von Filmen inspiriert. Nur ein Mensch hätte Interesse daran. Maschinen an sich würden das nicht machen. Denn in der Welt von Algorithmen widerspricht das jeder Logik.

Gibt es in den nächsten drei Jahren eine Entwicklung, die viele erst in 20 oder 30 Jahren erwarten würden?

Ich bin neulich zum ersten Mal mit dem T-Roc* von Wolfsburg nach Berlin gefahren. Das Auto hat autonom die Spur, den Abstand und die Geschwindigkeit gehalten – so wie es die Verkehrssituation erforderte. Aus Sicherheitsgründen musste ich nur hin und wieder in das Lenkrad greifen. Das ist gesetzlich auch so vorgeschrieben. Wir sind also schon sehr weit. Mir geht es gar nicht schnell genug.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung für die Umwelt?

Ich reise viel und frage mich oft, ob die Reise sinnvoll ist. Skypen ist doch gut. Vielleicht können wir irgendwann auch Hologramm-Technik einsetzen, statt zu reisen. Der Vodafone-CEO Dr. Hannes Ametsreiter hat zum Beispiel gerade das erste Hologramm-Interview geführt. Wir können unnötige Reisen verhindern und müssen nicht um jeden Preis mobil sein. Eine Familienfeier ist die eine Sache. Da will ich hin, das sind Menschen, die ich in den Arm nehmen möchte. Wenn ich aber ein zweistündiges Gespräch in den USA habe, muss ich dann wirklich dort hinfliegen?

Was ist die Aufgabe des Digital:Lab im Volkswagen Konzern?

Unser Beitrag im Digital:Lab besteht darin, dem Kunden die Mobilität so einfach wie möglich zu machen, sei es durch eine App oder einen mobilen Service. In China nutzen 90 Prozent der Menschen e-Commerce nur noch mobil. Das heißt, wenn wir einen Service in China anbieten, sollten wir ihn mobil ausrichten und nicht auf Webservices. Das Digital:Lab hilft, das Nutzerbedürfnis bei den Produkten zu ermitteln und zu verbessern.

Welche Pionierarbeit leistet es dabei?

Zum einen gibt es die Pionierarbeit in Bezug auf die Softwareentwicklung, zum anderen bezüglich der Kultur. Bei uns arbeiten mehr als 50 Menschen aus mehr als 25 Ländern. Das ist nicht nur ein Wandel für Volkswagen, sondern auch für Deutschland und Europa. Die Pionierarbeit liegt in der Antwort auf die Frage: Wie funktioniert das Miteinander, wenn Menschen aus so vielen Ländern in einem Team arbeiten? Wir arbeiten hier sehr agil, haben flache Hierarchien. Die Teams diskutieren, um zu einer Entscheidung zu kommen. Es gibt keinen, der sagt: „Ich entscheide das jetzt so.“ Das ist eine spannende Erfahrung.

Bei uns arbeiten mehr als 50 Menschen aus mehr als 25 Ländern. Das ist nicht nur ein Wandel für Volkswagen, sondern auch für Deutschland und Europa. Ole Reuss
Was sind im Bereich Kundenservice und Mobilitätsdienste die Themen der Zukunft?

Wir sagen unseren Besuchern immer: Wenn euch jemand erzählt, wie die Zukunft der Mobilität aussieht, dann glaubt ihm nicht. Das weiß keiner von uns. Meine Hoffnung ist, dass uns Mobilität in Zukunft Raum zurückgibt. Gerade in der Stadt werden wir den Raum brauchen, weil viel mehr Menschen in den Städten leben werden. Dann müssen wir uns überlegen, wie wir die Landbevölkerung mit der Stadt verbinden. Momentan denken wir noch zu eindimensional, in Straßen und Autobahnen. Die Politikerin Dorothee Bär ist für ihre Vision vom Flugtaxi ausgelacht worden. Das fand ich in dieser Form unfair. Der Luftraum ist ja da. Wir tüfteln längst daran, wie wir ihn nutzen können. Ich glaube, dass wir zu Lande, zu Wasser und in der Luft ganz anders denken werden. Meine Vision ist, dass man Mobilität überall und einfach nutzen kann. Das machen wir heute noch nicht.

Melissa Zee (UX-Designerin) erzählt von ihrem Job beim Digital:Lab von VW

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*T-Roc: Kraftstoffverbrauch in l/100 km: kombiniert zwischen 6,8 und 5,0, CO2-Emissionen in g/km: kombiniert zwischen 155 und 116, Effizienzklassen: D–B